03.04.2017

Die Tempo-Macher für Porsche

Es ist eigentlich egal, in welches Auto man einsteigt. Wahrscheinlich wurde das Fahrzeug mit Transporttechnik aus Lorsch durch die Werkshalle bewegt. Expert-Tünkers ist internationaler Marktführer auf dem Gebiet hochdynamischer Fördersysteme. Automotive macht mit rund 90 Prozent das Kerngeschäft aus.

Da, wo die Funken sprühen. Wo Karosserieteile durch lange Schweißstraßen laufen und Industrieroboter ihren Präzisionsjob erledigen. Dort ist Expert weltweit der Experte. Alle großen Hersteller setzen auf die Automationslösungen der führenden Spezialisten im Takten und Positionieren. Die Lorscher entwickeln wendige Drehtische, maßgeschneiderte Förderanlagen und innovative Roboterachsen für den Automobilrohbau.

Schnell, genau und tragfähig müssen die Komponenten sein, die bei der Produktion zum Einsatz kommen. Denn die Geschwindigkeit spielt bei allen Fertigungsprozessen eine entscheidende Rolle. Gerade heutzutage: Das Tempo bestimmt die Ausstoßmenge und damit letztlich die Effizienz und Wertschöpfung eines kompletten Arbeitsgangs. Das Blechteil selbst ist nicht allzu schwer. Aber die Vorrichtung, die es fixiert, umso mehr, erklärt Vertriebsleiter Frank Giebenhain. Sämtliche Bauelemente werden im Haus in der Seehofstraße gefertigt. Das enorme Know-how wird gewissenhaft verwaltet. Nicht wenig, was Lorsch entwickelt, bauen andere nach.

ZAHLEN UND FAKTEN: 130 BESCHÄFTIGTE AN DER SEEHOFSTRASSE

Am Anfang: Mit dem Konstruktionsprinzip der Schrittdrehtische hat Hans Jäger den Grundstock für die damalige Expert Maschinenbau-Gesellschaft in Lorsch entwickelt. Er gründete den Betrieb im Mai 1961 mit seinen Geschäftspartnern Karl Raab und Max Sievers.
Im Wachstum: Durch die guten Kontakte in der Automobilindustrie wuchs aus dem jungen Unternehmen schnell eine weltweit agierende Unternehmensgruppe mit Aktivitäten im Bereich der Schweißtechnik, der Fördertechnik und der Produktion von komplexen Fertigungsanlagen.
In Schieflage: Die Abhängigkeit von der Automobilindustrie und zunehmender Preisdruck führten zu einer bedrohlichen wirtschaftlichen Schieflage des Unternehmens, das ab den 80er Jahren von verschiedenen Investoren geleitet wurde.

Schrittgetriebe, Drehtische und Trommelantriebe, Förderbänder, Hubachsen, Shuttleanlagen oder komplette Transportlösungen: Das Herz der meisten Fertigungslinien mit Verfahr- und Drehoperationen sind sogenannte Schrittgetriebe, die aus einer konstanten Motordrehung den gewünschten Takt erzeugen. Expert-Tünkers bringt das Herz zum Schlagen. Das Unternehmen liefert die Impulse für die Automation in Werkshallen auf der ganzen Welt. Bei BMW, Audi und Mercedes-Benz, VW, Ford und Opel. Aber auch Jaguar, Porsche und Maserati nutzen die Kompetenzen aus der Klosterstadt. Und unzählige mehr. Einer der jüngeren Kunden ist Hyundai. "Die Koreaner sind anspruchsvoll", kommentiert Frank Giebenhain. Im Weltmarktführer haben die Asiaten einen Zulieferer gefunden, der höchste Ansprüche erfüllt. Auch Sonderanfertigungen sind möglich. Doch die meisten Bewegungs- und Transportsysteme werden mit Standards gelöst. Das ist wirtschaftlicher.

Ohne hochpräzise Fördertechnik keine exakten Ergebnisse. Die Führung und Positionierung eines Bauteils muss auf den Millimeter genau stimmen, sonst sieht der beste Roboter alt aus. Beim Spaltmaß einer Autotür zum Beispiel kann es keine Kompromisse geben. Die Anlagen von Expert-Tünkers befördern ganze Bodenplatten, Kotflügel oder Dachteile durch die Produktion. Manchmal viele Meter weit, manchmal "nur" um die eigene Achse.
Drehantriebe sind ein elementarer Transportbaustein im Fertigungsprozess. Das Unternehmen konstruiert Komponenten in allen Größen, die jeweils aus einem Trommelantrieb, einem Gehäuse und einem Drehteller bestehen. Alle Teile, auch die Stahlwalzen, werden in der Lorscher Hightech-Montagehalle hergestellt. Wie die Lagerung der Teller angeordnet ist, bestimmt später die Leistungsdaten dieser sehr flexiblen Einheiten. Ein patentiertes Prinzip, das einen einfachen, wartungsarmen und dabei äußerst leistungsfähigen Systemaufbau ermöglicht. Sonderkonstruktionen für besonders schwere Lasten von bis zu 150 Tonnen erreichen schon mal einen Durchmesser von 20 Metern. Diese Riesen kommen meist in Gießereien sowie im Getriebe- und Motorenbau zum Einsatz.

An der Lorscher Seehofstraße werden die Systeme nicht nur gebaut, sondern auch getestet. Angeschlossen sind eine Trennschneiderei, eine Schweißerei und ein Lackierbetrieb. Im Unternehmen sind ausschließlich Facharbeiter beschäftigt. Der eigene Nachwuchs an Industriemechanikern und -kaufleuten wird im Haus ausgebildet. Mit dem Ziel der Übernahme, so Betriebsleiter Roland Malz. Aktuell sind neun Jugendliche in der Lehre.

Exportanteil liegt über 50 Prozent

Vom Entwurf bis zum Versand in alle Welt passiert alles an einem Standort. 100 Prozent "made in Germany". Große Holzkisten warten auf die Reise nach Japan und Thailand. Expert-Tünkers pflegt zahlreiche Rahmenverträge mit namhaften Kunden. Stetig kommen neue dazu. Allein in Lorsch hat sich der Umsatz in den vergangenen vier Jahren mehr als verdoppelt.

Der Exportanteil beträgt über 50 Prozent. Der weltweit wichtigste Einzelmarkt ist derzeit China. Dahinter folgen Osteuropa, Frankreich und Großbritannien. Auch viele Aufträge deutscher Kunden werden an Produktionsstandorte ins Ausland verschifft. Durch die Positionierung der Tünkers-Gruppe hat Expert seine internationale Präsenz in den letzten Jahren erheblich gesteigert. Die größte Unternehmenstochter sitzt in China, wo 140 Mitarbeiter beschäftigt sind.

Der Standort Lorsch ist sicherer denn je", betont Roland Malz. In den Maschinenpark wird jährlich rund eine Million Euro investiert, um international wettbewerbsfähig und innovativ zu bleiben. Entwicklung, Konstruktion und Fertigung unter einem Dach. "Unsere Spezialisten arbeiten in Lorsch - und hier bleiben sie auch."